Biophilic Design im Wohnraum: Was die Forschung zeigt
Fensterblick auf Grün, Zimmerpflanzen, Massivholz im Schlafzimmer: Naturnahe Gestaltung wird oft mit mehr Wohlbefinden in Verbindung gebracht. Dieser Überblick ordnet ein, was einzelne Studien dazu tatsächlich zeigen – und wo die Forschung noch keine Antwort liefert.
Woher der Begriff kommt: eine Theorie, kein medizinischer Beweis
Der Begriff «Biophilie» beschreibt laut einem 2021 in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychology erschienenen Theorie-Überblick von Barbiero und Berto eine menschliche Veranlagung, die zunächst vom Psychoanalytiker Erich Fromm und später vom Biologen E.O. Wilson beschrieben wurde. Beide gingen demnach davon aus, dass diese Veranlagung eine biologische Grundlage hat und für eine harmonische Beziehung zwischen Menschen und ihrer Umwelt bedeutsam ist. «Biophilic Design» baut auf diesem Konzept auf und versteht sich als planerischer Ansatz, der Naturbezüge gezielt in gestaltete Räume bringt. Wichtig für die Einordnung: Es handelt sich dabei um ein theoretisches Konzept aus der Persönlichkeits- und Umweltpsychologie, nicht um eine medizinisch belegte Wirkung. Ob und wie stark sich einzelne Gestaltungselemente tatsächlich auf das Wohlbefinden auswirken, beantworten einzelne Studien für einzelne Elemente sehr unterschiedlich – dazu mehr in den folgenden Abschnitten.
Zwei Denkrichtungen, die oft vermischt werden
In der Umweltpsychologie stehen sich laut einem 1995 im Journal of Environmental Psychology erschienenen Übersichtsartikel des Psychologen Stephen Kaplan zwei unterschiedliche, teils konkurrierende Theorien gegenüber: ein auf Stressreduktion ausgerichteter Ansatz, der auf Roger Ulrich zurückgeht, und Kaplans eigene «Attention Restoration Theory» (ART). Kaplan macht in seinem Text ausdrücklich klar, dass beide Denkrichtungen nicht synonym behandelt werden sollten. Seine ART ist selbst ein theoretisches Rahmenwerk und keine eigene Experimentalstudie: Sie postuliert, dass Naturumgebungen besonders reich an Merkmalen sind, die eine Erholung von der Ermüdung «gerichteter Aufmerksamkeit» ermöglichen – jener Form konzentrierter Aufmerksamkeit, die im Alltag schnell ermüdet. Als Bausteine einer «restorativen» Umgebung benennt Kaplan vier Komponenten, formuliert als Konstrukte und nicht als in dieser Arbeit selbst gemessene Ergebnisse:
- Being Away – gedankliche Distanz vom Alltag
- Extent – inhaltliche Weite und Zusammenhang
- Fascination – mühelose, «weiche» Aufmerksamkeitsbindung
- Compatibility – Passung zu den eigenen Absichten
Was einzelne Studien zu Fensterblick und Zimmerpflanzen zeigen
Die wohl bekannteste Einzelstudie zum Naturkontakt in Innenräumen stammt von Roger Ulrich und erschien bereits 1984 in der Fachzeitschrift Science. Ulrich wertete retrospektiv Krankenakten von Gallenblasen-Operationen in einer Klinik in Pennsylvania aus dem Zeitraum 1972 bis 1981 aus: Patienten in Zimmern mit Fensterblick auf eine Naturszene hatten kürzere postoperative Krankenhausaufenthalte, weniger negative Einträge in den Pflegenotizen und benötigten weniger starke Schmerzmittel als eine nach Merkmalen gematchte Vergleichsgruppe mit Blick auf eine Backsteinwand. Die Stichprobe war mit 23 zu 23 Patienten klein, die Auswertung retrospektiv statt experimentell, und sie bezieht sich auf eine echte Fensteraussicht während einer Genesungssituation in der Klinik – nicht auf allgemeines Wohnen.
Eine der von Kaplan referierten Feldstudien (Hartig et al. 1991) fand nach einem 40-minütigen Spaziergang einen aus Selbstauskünften gebildeten Erholungs-Score, der nur schwach mit einer objektiv gemessenen Korrekturlese-Leistung korrelierte (r = 0,22) – ein kleiner statistischer Zusammenhang, den Kaplan 1995 referiert, aber nicht selbst neu erhoben hat.
Zu Zimmerpflanzen fasst ein 2024 in Frontiers in Psychology erschienener Übersichtsbeitrag mehrere Arbeiten zusammen. Ein Review von 50 chinesisch- und englischsprachigen Studien (Han und Ruan 2019) kommt demnach zu dem Schluss, dass Zimmerpflanzen am stärksten die selbstberichtete Wahrnehmung beeinflussen – mehr positive, weniger negative Gefühle, weniger körperliches Unbehagen –, während objektive oder physiologische Messwerte separat und schwächer beschrieben werden. Der Übersichtsbeitrag fasst ausserdem zusammen, dass eine Meta-Analyse über 16 gepoolte Studien (Han, Ruan und Liao 2022) einen kleinen, aber statistisch signifikanten Effekt von Zimmerpflanzen auf die akademische Leistung (SMD 0,534) berichtet hat; die Originalarbeit wurde dabei nicht selbst geprüft. Eine ebenfalls dort referierte, quasi-experimentelle Vorher-Nachher-Feldstudie in neun niederländischen Organisationen (de Vries et al.) fand nach Einführung von Büro-Pflanzen weniger Beschwerden über trockene Luft sowie mehr wahrgenommene Privatsphäre und Attraktivität des Arbeitsplatzes – allerdings bei erheblichem Stichprobenschwund von ursprünglich 594 auf 254 und schliesslich nur noch 128 Teilnehmende über die Messzeitpunkte hinweg. Diese Studie fand im Bürokontext statt, nicht im Wohnraum. Wichtig für die Einordnung: Diese vier Einzelbefunde wurden nicht an den jeweiligen Originalarbeiten selbst geprüft, sondern so, wie hier beschrieben, aus dem zusammenfassenden Übersichtsbeitrag von 2024 übernommen.
Massivholz und Holzduft: zwei kleine, explorative Studien
Näher am eigenen Sortiment liegt eine randomisierte Crossover-Studie mit 15 Personen über insgesamt 253 Nächte an einem einzigen österreichischen Studienzentrum (Grote et al. 2021): Sie fand in Betten aus massivem Zirbenholz gegenüber melaminbeschichteten Spanplattenbetten eine höhere vagale Aktivität, eine niedrigere Herzfrequenz und eine günstigere kardiorespiratorische Abstimmung – vor allem in den ersten Schlafstunden. Die Stichprobe ist mit 15 Personen sehr klein – für eine starke Kausalaussage reicht das allein nicht, auch wenn die Studie laut Titel der Arbeit randomisiert angelegt war. Eine zweite, explorative Laborstudie im Kontext von Attention-Restoration-Theorie und Biophilic Design (Shima, Maeda und Tsunetsugu 2025) untersuchte Holzgerüche statt sichtbarer Oberflächen: Der Geruch von Hinoki-Holz ging mit einer niedrigeren Herzfrequenz einher als kein Geruch – ein Hinweis auf eine schnellere Erholung des autonomen Nervensystems –, während Kampfer-Geruch keinen Effekt zeigte. Die Autoren selbst bezeichnen ihre Ergebnisse ausdrücklich als vorläufig («preliminary evidence»), nicht als gesicherten Nachweis.
Was die Forschung zu Innenräumen bislang nicht zeigt
Ein 2025 an der Universität Cambridge entstandener systematischer Review zu Grünraum und Gehirnplastizität (Khalil 2025) stellt ausdrücklich fest, dass bislang keine Studien begrünte Architektur beziehungsweise «biophilic interiors» direkt auf neuronale oder psychologische Effekte untersucht haben – obwohl die Exposition dort näher und länger ist als bei Aussenraum-Grünflächen. Der Review selbst stützt sich insgesamt nur auf 23 Einzelstudien zu Grünraum, überwiegend zu Aussenraum-Grünflächen, mit laut Autor hoher methodischer Heterogenität. Für den konkreten Innenraum-Kontext, wie er in einem Wohn- oder Schlafzimmer vorliegt, bleibt die Forschungslage damit lückenhaft: Die hier beschriebenen Befunde stammen überwiegend aus Klinik-, Büro- oder Laborsettings sowie aus theoretischen Rahmenwerken – nicht aus einer direkten Untersuchung des allgemeinen Wohnraums. Das heisst nicht, dass Naturbezüge in der Wohnung wirkungslos wären, sondern nur, dass eine direkte wissenschaftliche Prüfung dafür bislang fehlt.
Für die eigene Wohnung: Einordnung statt Versprechen
Aus der beschriebenen Studienlage lässt sich kein Gesundheitsversprechen für ein bestimmtes Möbelstück ableiten – weder für ein Bett noch für eine Leuchte. Festhalten lässt sich: Echter Naturkontakt, lebende Pflanzen und Massivholz sind in der bisherigen Forschung häufiger untersucht als reine Dekorationselemente, auf die sich die genannten Befunde nicht automatisch übertragen lassen. Wer diese Prinzipien in der eigenen Wohnung umsetzen möchte, findet in unserem Showroom an der Nüschelerstrasse in Zürich Betten und Wohnmöbel mit unterschiedlichen Materialansätzen, etwa bei DUXIANA, NUVOSETTE, Flou und Natevo. Eine wissenschaftlich geprüfte Wirkung einzelner Produkte auf Schlaf oder Wohlbefinden lässt sich daraus jedoch nicht ableiten – dazu ist die Studienlage zu Interior Design im Wohnraum insgesamt noch zu dünn. Am ehesten hilft ein persönliches Gespräch im Showroom, um Materialien und Ausführungen in Ruhe zu vergleichen.
Häufige Fragen
Ist Biophilic Design wissenschaftlich bewiesen?
Nicht im Sinne eines medizinischen Beweises. Der Begriff «Biophilie» beschreibt laut Barbiero und Berto (2021) ein theoretisches Konzept aus der Persönlichkeitspsychologie, das auf Erich Fromm und später E.O. Wilson zurückgeht. Einzelne Elemente – etwa Fensterblick auf Natur oder Zimmerpflanzen – wurden in einzelnen, meist kleinen Studien mit statistischen Zusammenhängen zu Wohlbefinden oder Leistung in Verbindung gebracht. Für explizit als «biophilic interiors» gestaltete Innenräume gibt es laut einem systematischen Review der Universität Cambridge (Khalil 2025) bislang jedoch keine direkten Studien zu neuronalen oder psychologischen Effekten.
Was zeigt die bekannte Fensterblick-Studie von Roger Ulrich?
Ulrich wertete 1984 retrospektiv Krankenakten von 23 Gallenblasen-Patienten mit Fensterblick auf eine Naturszene gegenüber 23 vergleichbaren Patienten mit Blick auf eine Backsteinwand aus (Klinik in Pennsylvania, Zeitraum 1972–1981). Die Gruppe mit Naturblick hatte kürzere Krankenhausaufenthalte, weniger negative Pflegenotizen und einen geringeren Bedarf an starken Schmerzmitteln. Die Studie ist klein und retrospektiv und bezieht sich auf eine Genesungssituation in einer Klinik – nicht direkt auf den privaten Wohnraum.
Helfen Zimmerpflanzen nachweislich beim Wohlbefinden?
Ein Übersichtsbeitrag von 2024 fasst zusammen, dass Zimmerpflanzen laut einem Review von 50 Studien (Han und Ruan 2019) vor allem die selbstberichtete Wahrnehmung beeinflussen – mehr positive und weniger negative Gefühle. Derselbe Übersichtsbeitrag fasst zusammen, dass eine Meta-Analyse über 16 Studien einen kleinen, aber statistisch signifikanten Effekt auf die akademische Leistung (SMD 0,534) berichtet hat; die Originalarbeit wurde dabei nicht selbst geprüft. Eine Feldstudie in neun niederländischen Büros fand nach Einführung von Pflanzen weniger Beschwerden über trockene Luft, verlor aber bis zur zweiten Nachmessung einen Grossteil der ursprünglich 594 Teilnehmenden. Zu einer luftreinigenden Wirkung von Zimmerpflanzen liegt keine belastbare, aktuell nachprüfbare Quelle vor.
Was zeigt die Studie zu Zirbenholzbetten?
Eine randomisierte Crossover-Studie mit 15 Personen über insgesamt 253 Nächte (Grote et al. 2021) fand in Betten aus massivem Zirbenholz gegenüber melaminbeschichteten Spanplattenbetten eine höhere vagale Aktivität, eine niedrigere Herzfrequenz und eine günstigere kardiorespiratorische Abstimmung – vor allem in den ersten Schlafstunden. Die Stichprobe ist mit 15 Personen sehr klein; für eine gesicherte Wirkaussage reicht das allein nicht.
Was ist der Unterschied zwischen Attention Restoration Theory und dem Stressreduktions-Ansatz?
Beide sind laut Kaplan (1995) eigenständige, teils konkurrierende Theorien der Umweltpsychologie, die nicht synonym behandelt werden sollten. Der Stressreduktions-Ansatz geht auf Roger Ulrich zurück, Kaplans eigene «Attention Restoration Theory» (ART) beschreibt dagegen die Erholung von der Ermüdung gerichteter Aufmerksamkeit anhand von vier Komponenten: Being Away, Extent, Fascination und Compatibility. Beide Theorien sind Rahmenwerke, keine abgeschlossenen Beweise.
Quellen & Studien
Die Faktenaussagen in diesem Beitrag stützen sich auf die folgenden Quellen — im Text jeweils als Studie, Testinstitut, amtliche Angabe, Konvention oder Herstellerangabe gekennzeichnet:
- Ulrich, R.S. (1984): View through a window may influence recovery from surgery. Science 224(4647), 420–421
- Kaplan, S. (1995): The restorative benefits of nature: Toward an integrative framework. Journal of Environmental Psychology 15(3), 169–182
- Han, K.-T. (2024): Editorial: Effects of indoor plants on well-being. Frontiers in Psychology 15:1483441
- Grote, V. et al. (2021): Cardiorespiratory Interaction and Autonomic Sleep Quality Improve during Sleep in Beds Made from Pinus cembra (Stone Pine) Solid Wood. Int J Environ Res Public Health 18(18), 9749
- Shima, T., Maeda, K., Tsunetsugu, Y. (2025): Wood Odor Mapping on Arousal Axes: Exploring Correspondence with Physiological Indices of Stress Recovery. Int J Environ Res Public Health 22(11), 1716
- Barbiero, G., Berto, R. (2021): Biophilia as Evolutionary Adaptation: An Onto- and Phylogenetic Framework for Biophilic Design. Frontiers in Psychology 12:700709
- Khalil, M.H. (2025): Green Environments for Sustainable Brains: Parameters Shaping Adaptive Neuroplasticity and Lifespan Neurosustainability. Int J Environ Res Public Health 22(5), 690
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